Freitag, 2. Februar 2007

Kapitel III: Von den Fährnissen des Billigfliegens

Bei der sumatranesichen Zigarre handelte es sich um eine Robusto, also ein recht kurzes Exemplar, wie es nur echte Männer rauchten. Der Fremde verachtete die Gran Corona- oder Churchillraucher, mutmaßte, dass sie diese enormen Tabakprügel nur rauchten, um über die lächerlich geringe Größe ihrer Genitalien hinwegzutäuschen, sich wohl auch noch daran aufgeilten, an etwas zu lutschen, das jungfräuliche Kreolinnen zwischen ihren Schenkeln gerollt hatten. Darüber konnte der Fremde nur müde lachen. Er hatte seine Fleischcohiba schon an dermaßen vielen jungfräulichen Kreolinnen gerieben, dass es jede Bedeutung für ihn verloren hatte. Er hätte auch in Zeitung gerollten Kuhdung geraucht, wenn sein Bargeld für mehr nicht gelangt hätte, doch verstand er sich gut aufs Haushalten und vergaß nicht, immer wieder ein paar Euros auf die Hohe Kante zu legen, um sich dann mal etwas gönnen zu können, wie beispielsweise das Kästchen Robusto Brasil, das er sich im Duty-Free-Shop des Frankfurter Flughafens gekauft hatte. Die Zigarre, welche er nun gerade zu rauchen im Begriff war, stammte freilich nicht aus diesem Kästchen, denn es lag schon viele Jahre zurück, dass er vom Frankfurter Flughafen aus zu einer Expedition ins Unbekannte aufgebrochen war.
Inzwischen nutzte er eigentlich nur noch den Flughafen Hahn, welcher zwar ein wenig ab vom Schuss in einem Hochtal des Taunus gelegen war, aber der Preis stimmte, und auf überflüssige Annehmlichkeiten legte er ohnehin keinen Wert. Wozu, fragte er sich, muss man denn auf der Strecke Frankfurt - Moskau unbedingt ein Mittagessen serviert bekommen? Hatten die Leute keine Butterbrotpapiere zu hause, oder fanden sie es unschicklich, etwas Selbstgeschmiertes mit ins Flugzeug zu nehmen? Wollten Sie Eindruck schinden, auf dicke Hose machen, wie es unter ihresgleichen umgangssprachlich zweifelsohne als geflügeltes Wort die Runde machte?
Außerdem schmeckte das Essen an Bord dem Fremden nicht, doch die übrigen Fluggäste stopften es in sich hinein. Es war ja umsonst. So dachten Sie. Dass die Unkosten, in welche sich die Fluggesellschaft für die Zubereitung der in Zelophan verschweisten Pampe mit Fleischeinlage gestürzt hatte, natürlich ohne mit der Wimper zu zucken in Form von erhöhten Transitpreisen auf die Passagiere umverteilt wurde, daran dachten sie freilich nicht, diese Aasgeier. Sie aßen und tranken, bis das Flugzeug leer war, und dann gingen sie aufs Klo. Einer nach dem andern. Das ärgerte den Fremden, denn er musste mal wirklich. Sein Sitznachbar erzählte unterdessen in einer Tour von seinem Reiseziel: Hurgada. Sicher, dort gab es einen passablen Sandstrand, und die bizarre Unterwasserwelt des Roten Meeres konnte den unverbildeten Reisenden schon in ihren Bann schlagen mit ihrer farbenfrohen Farbenpracht und einer schon fast madegassischen Artenvielfalt.
Der Fremde wusste das aus eigener Erfahrung, denn er war einmal vom Sinai aus nach Antananarivo gereist, der Hauptstadt jener viergrößten Insel der Welt. Erst zu Fuß, dann später auf einer aus Schilf geflochtenen Barke. Der berühmte Gelehrte und Weltenbummler Thor Heyerdhal hatte ihm dabei Gesellschaft geleistet, um so zu beweisen, dass schon vor über sechstausend Jahren ein unterägyptischer Fußgänger bis nach Madagaskar hätte gelangen können, um Proben von Flora und Fauna an den Hof des Pharaos zu bringen. Dort hätte vielleicht ein Maler die exotischen Tiere geschaut, und, und darauf wollte der hochgeachtete Ethnologe Herr Professor Doktor Heyerdhal – emeritus, und inzwischen verschieden, doch damals noch gut in Saft und Kraft stehend – hinaus, das würde eine kühne These erhärten. Sie besagte, dass die Gestalt des altägyptischen Gottes Seth nicht einem Hausschwein, sondern einem Lemuren nachempfunden war. Der Maler konnte einfach nur keine Lemuren zeichnen. Wie auch? Er hatte ja nicht vorher üben können, fand sich doch unter den indigenen Tieren des nördlichen Afrikas kein einziger Lemur.
Von diesem Wissen ließ der Fremde seinen Sitznachbarn unbehelligt. Er hätte es ohnehin nicht verstanden, vielleicht gar in den falschen Hals bekommen. Stattdessen belehrte er den Sitznachbar, ein Tourist, der beruflich Schaufelradbagger für Rheinbraun wartete, dass es ein Umweg wäre, sich Hurgada über Moskau zu nähern. Anschließend labte er sich an der Zerknirschtheit des Reisenenden und löste ein Sudoku in einer Zeitschrift, die er sich zusammen mit den Zigarren im Duty-Free-Shop gekauft hatte. Rauchen war aber im Flugzeug nicht erlaubt. Nicht mal auf dem Klo.

Kapitel II: Der Fremde bekommt keinen Single Malt

Jahre später, nach einer langen und gefahrvollen Reise über die sieben Weltmeere, in deren Verlauf er dem Tode mehrmals frech ins Gesicht gelacht hatte und von der Schippe gesprungen war, stand der Fremde noch immer in der Tür der Hafenbar von Buenos Aires. Langsam wurde der Wirt unruhig. Er kannte die Art, mit der der Fremde dastand, und sie gefiel ihm nicht. Dabei war der Wirt weißgott kein Mann, den der Anblick eines anderen Mannes leicht beunruhigt hätte. Die Kneipe war ein Strand für menschliches Treibgut, ein Anlaufpunkt für Gestrandete und Gestrauchelte, für wilde Gesellen und rohe Burschen. Das Geld saß diesen Männern locker, aber auch die Messer, welche sie aus geringem Anlass zückten, etwa um einen Streit zu schlichten oder einfach nur, weil sie ein kleines Tänzchen wagen wollten, wie es hier hieß. Ein solches Tänzchen endete immer mit einer zerfetzten, blutüberströmten Leiche, und die musste der Wirt dann in den Hinterhof ziehen. Er legte sie neben die Mülltonnen, wo der Abdecker sie leicht finden würde.
Der Fremde aber wirkte nicht, als ob er an einem Tänzchen interessiert wäre. Etwas in seinem Blick verriet, dass er schon Orte geschaut hatte, die dem Menschen besser verborgen geblieben wären. Er warf einen harten, unnachgiebigen Blick aus seinem einen stahlgrauen Auge quer durch den Raum auf den Wirt. Der schauderte. Soviel Kälte war er nicht gewohnt. Er kam ursprünglich aus Uruguay und war an das dort vorherrschende subtropische Klima angepasst. Nur die verregneten Sommer, die hatten ihm nicht gepasst, weshalb er seine Siebensachen gepackt hatte, um in Buenos Aires eine Gaststätte zu eröffnen. Wer nämlich viel drinnen arbeitet, den ficht der Regen nicht an.
Der Wirt nahm all seinen Mut zusammen und erwiderte den Blick. „Was darf's denn sein, Fremder?“, fragte er mit seinem Akzent, den die einheimischen Buenos-Airisten oft zum Anlass der Heiterkeit nahmen, denn der Wirt stammte vom Volk der Tupi ab, war also inidanischer Herkunft und hatte Guarani als Muttersprache erlernt, was sein Spanisch auf eine ganz und gar unnachahmliche Art einfärbte.

Einen Whisky“, orderte der Fremde in passablem, weil akzentfreiem Kontinentalspanisch. „Scotch. Single Malt. Zwölf Jahre, lieber noch sechtzehn Jahre, wenn Sie einen dahaben.“
Bedaure, ich habe nur Shiva's Regal.“
Pah!“ Der Fremde spuckte aus. Es klirrte, als die Spucke auf die ungehobelten Holzblohnen prallte und in tausend Stücke zerplatzte, so als wäre sie aus Glas oder Eis? Ja. Eis. Die Spucke musste auf dem Weg vom Mund zum Boden gefrohren sein. Das war eine biologische Sensation, aber völlig unmöglich. Wie hätte denn die Spucke, die aus einer Mundhöhle mit geschätzten 36,7 °C in eine Umgebungstemperatur von gut zwanzig Grad kam, gefrieren können? Es gibt doch gar kein Element, dessen Schmelzpunkt zwischen 36,7°C und gut zwanzig Grad lag. So ein Teufelskerl!, dachte der Wirt bei sich.
"Oh", machte der Fremde und guckte auf die Spucke. "Ein Zahn. Muss wohl locker gewesen sein."
Das also war des Rätsels Lösung. Der Barkeeper atmete erleichtert auf und nahm die Hände von der Schrotflinte, welche er unter der Theke schon vorsorglich entsichert hatte.

Dann gib mir eine Flasche Rum“, verlangte der Fremde barsch und mit einem Tonfall, der keinen Widerspruch geduldet hätte. Der Fremde riss dem Wirt die Flasche so ungestüm aus den Händen, dass die Haut rot glühte und sich von den Fingerkuppen schälte. Der Fremde genehmigte sich einen gehörigen Schluck aus der Pulle. Ein Glas hatte ihm auch der Wirt noch nicht hingestellt, weil er viel zu beschäftigt damit war, seine Finger in Mullbinden zu wickeln, um noch aufmerksam sein zu können. Der hat wohl seinen Beruf verfehlt, dachte der Fremde. Er hatte das Zeug zum Notfallsanitäter, ja vielleicht sogar Zahnarzt, wenn er sich anstrengte und die Nase auch einmal in ein Buch stecken würde, aber Barkeeper? So einen würde er sofort rausschmeißen, wenn das seine Bar wäre, sagte sich der Fremde. Da waren doch unzufriedene Kunden vorprogrammiert. Aber egal, schließlich war es nicht sein Trinkgeld, das der Wirt durch seinen Versuch, die Blutung zu stoppen, leichtsinnig verspielte. Halt, doch! Es war sein Geld, und das würde es auch wohl bleiben. Nicht mal ein Glas bekam man hier. Der Fremde konnte es noch immer nicht fassen.
Wie um sich zu beruhigen steckte er sich eine Zigarre an. Es war eine brasilianische Zigarre, unüblich für Argentinien, scheute dieses stolze Völkchen doch davor zurück, die Zigarren ihres nicht immer beliebten großen Nachbarlandes zur paffen, weshalb sie im großen Stil Rauchwerk aus Sumatra importierten. Die waren zwar erheblich teuerer im Einkauf und schmeckten den Landeskindern nicht so gut, ja, namhafte Forscher hatten gar herausgefunden, dass sie in höheren Maße Karzinome und Lungenemphyseme verursachten als brasilianische Zigarren, doch Nationalstolz ist etwas, das sich nicht mit Geld aufgewiegen lässt.

Kapitel I: Eine kalte, stürmische Nacht

Der Fremde trat ein. Das Innere der Kneipe war in dämmriges Licht getaucht und diesig verhangen vom Zigarrenrauch. An dem Klavier saß ein glatzköpfiger Pianist und hämmerte einen Rag. Der Fremde hatte für diese Musikrichtung nichts übrig, doch die Kneipe war ganz nach seinem Geschmack: Eine zwielichtige Halunkenspelunke im Hafenviertel von Buenos Aires. Da saßen sie: Teils an der Bar, einige in Gruppen um Tische, deren Platten von den vielen Glas- und Flaschenböden so sehr abgeschmirgelt waren, dass sie im matten Licht schillerten.

Einer hatte sich den Barhocker zu den Glücksspielautomaten neben dem Münzfernsprecher gezogen und versuchte nun an drei Einarmigen Banditen simultan sein Glück. Immer wieder erklang ein kehliges Fluchen, gefolgt von einem blechernen Schaben, wenn er die nimmersatten Maschinen mit blanken Münzen fütterte. Dann klimperten sie eine digitale Melodie, die den Fremden zunächst an The Entertainer von Scott Joplin erinnerte, aber dann änderte sie sich und ging ganz anders weiter. Wahrscheinlich aus Copyright-Gründen.

Die Erben von Scott Joplin waren ja in der gesamten Musikszene, aber auch bei Filmemachern und am Showbuisiness Interessierten als gierig verschrien. Sie führten ein glamoröses Leben, wie die Reichen und Schönen, aber wehe, ein armer Künstler verging sich am Urheberrecht ihres Urahns; dann hießen sie ihre Schergen, wie man in der Joplin-Familie die Anwälte nannte, den Übeltätern gehörig die Hammelbeine langzuziehen, und zwar so lange, bis auch der letze Cent in die Taschen der Erben gewandert war. Das hatte der Fremde in einem Magazin gelesen, denn auch er war am Showbuisiness interessiert, ja er war ja sogar einmal auf der Schauspielschule gewesen. Lange hatte es ihn dort freilich nicht gehalten. Insubordination, das war die Begründung gewesen, mit der ihn der gestrenge Schulleiter des Campus verwiesen hatte, ohne ihm freilich den nicht unerheblichen Semesterbeitrag für das erst kürzlich begonnene Schuljahr zurückzugeben. Dafür hatte er dann später bezahlen müssen. Der Fremde hatte ihm nach der Schule aufgelauert und ihm dann gehörig die Möbel gradegezogen. Dazu brauchte es nicht viel. Außerhalb seines Büros war der feine Herr Schulleiter nur ein armes Würstchen, ein erbärmliches Häuflein Elend, das die Rechte des Fremden in die Ecke den Schulhofs gefegt hatte, um ihm dann gehörig den Wanst durchzuwalken, bis Blut kam. Danach hatte der Fremde ihm untersagt, auch nur ein Sterbenswörtchen über den Vorfall zu verlieren, sonst wüsste er, wo er wohnte. Er hatte auch nie wieder etwas von dem Schulleiter gehört, wie auch? Der Fremde hatte noch am gleichen Abend bei einem philippinischen Öltanker angeheuert und seiner Vaterstadt den Rücken zugekehrt. Hier hielt ihn nichts mehr.

Vorwort

Beschreibung des Lebens eines seltsamen Herren, nämlich des Landarztes Professor Doktor H. C. Hornzier, im Folgenden der Fremde genannt. Überaus waetlich und männiglich. Behutsam ins Neuhochdeutsche übertragen von dem Privatgelehrten und Rentier Theoklastus Periphrastus von Holsterhausen. Nützlich zu lesen. Fernsehen macht doof.