Bei der sumatranesichen Zigarre handelte es sich um eine Robusto, also ein recht kurzes Exemplar, wie es nur echte Männer rauchten. Der Fremde verachtete die Gran Corona- oder Churchillraucher, mutmaßte, dass sie diese enormen Tabakprügel nur rauchten, um über die lächerlich geringe Größe ihrer Genitalien hinwegzutäuschen, sich wohl auch noch daran aufgeilten, an etwas zu lutschen, das jungfräuliche Kreolinnen zwischen ihren Schenkeln gerollt hatten. Darüber konnte der Fremde nur müde lachen. Er hatte seine Fleischcohiba schon an dermaßen vielen jungfräulichen Kreolinnen gerieben, dass es jede Bedeutung für ihn verloren hatte. Er hätte auch in Zeitung gerollten Kuhdung geraucht, wenn sein Bargeld für mehr nicht gelangt hätte, doch verstand er sich gut aufs Haushalten und vergaß nicht, immer wieder ein paar Euros auf die Hohe Kante zu legen, um sich dann mal etwas gönnen zu können, wie beispielsweise das Kästchen Robusto Brasil, das er sich im Duty-Free-Shop des Frankfurter Flughafens gekauft hatte. Die Zigarre, welche er nun gerade zu rauchen im Begriff war, stammte freilich nicht aus diesem Kästchen, denn es lag schon viele Jahre zurück, dass er vom Frankfurter Flughafen aus zu einer Expedition ins Unbekannte aufgebrochen war.
Inzwischen nutzte er eigentlich nur noch den Flughafen Hahn, welcher zwar ein wenig ab vom Schuss in einem Hochtal des Taunus gelegen war, aber der Preis stimmte, und auf überflüssige Annehmlichkeiten legte er ohnehin keinen Wert. Wozu, fragte er sich, muss man denn auf der Strecke Frankfurt - Moskau unbedingt ein Mittagessen serviert bekommen? Hatten die Leute keine Butterbrotpapiere zu hause, oder fanden sie es unschicklich, etwas Selbstgeschmiertes mit ins Flugzeug zu nehmen? Wollten Sie Eindruck schinden, auf dicke Hose machen, wie es unter ihresgleichen umgangssprachlich zweifelsohne als geflügeltes Wort die Runde machte?
Außerdem schmeckte das Essen an Bord dem Fremden nicht, doch die übrigen Fluggäste stopften es in sich hinein. Es war ja umsonst. So dachten Sie. Dass die Unkosten, in welche sich die Fluggesellschaft für die Zubereitung der in Zelophan verschweisten Pampe mit Fleischeinlage gestürzt hatte, natürlich ohne mit der Wimper zu zucken in Form von erhöhten Transitpreisen auf die Passagiere umverteilt wurde, daran dachten sie freilich nicht, diese Aasgeier. Sie aßen und tranken, bis das Flugzeug leer war, und dann gingen sie aufs Klo. Einer nach dem andern. Das ärgerte den Fremden, denn er musste mal wirklich. Sein Sitznachbar erzählte unterdessen in einer Tour von seinem Reiseziel: Hurgada. Sicher, dort gab es einen passablen Sandstrand, und die bizarre Unterwasserwelt des Roten Meeres konnte den unverbildeten Reisenden schon in ihren Bann schlagen mit ihrer farbenfrohen Farbenpracht und einer schon fast madegassischen Artenvielfalt.
Der Fremde wusste das aus eigener Erfahrung, denn er war einmal vom Sinai aus nach Antananarivo gereist, der Hauptstadt jener viergrößten Insel der Welt. Erst zu Fuß, dann später auf einer aus Schilf geflochtenen Barke. Der berühmte Gelehrte und Weltenbummler Thor Heyerdhal hatte ihm dabei Gesellschaft geleistet, um so zu beweisen, dass schon vor über sechstausend Jahren ein unterägyptischer Fußgänger bis nach Madagaskar hätte gelangen können, um Proben von Flora und Fauna an den Hof des Pharaos zu bringen. Dort hätte vielleicht ein Maler die exotischen Tiere geschaut, und, und darauf wollte der hochgeachtete Ethnologe Herr Professor Doktor Heyerdhal – emeritus, und inzwischen verschieden, doch damals noch gut in Saft und Kraft stehend – hinaus, das würde eine kühne These erhärten. Sie besagte, dass die Gestalt des altägyptischen Gottes Seth nicht einem Hausschwein, sondern einem Lemuren nachempfunden war. Der Maler konnte einfach nur keine Lemuren zeichnen. Wie auch? Er hatte ja nicht vorher üben können, fand sich doch unter den indigenen Tieren des nördlichen Afrikas kein einziger Lemur.
Von diesem Wissen ließ der Fremde seinen Sitznachbarn unbehelligt. Er hätte es ohnehin nicht verstanden, vielleicht gar in den falschen Hals bekommen. Stattdessen belehrte er den Sitznachbar, ein Tourist, der beruflich Schaufelradbagger für Rheinbraun wartete, dass es ein Umweg wäre, sich Hurgada über Moskau zu nähern. Anschließend labte er sich an der Zerknirschtheit des Reisenenden und löste ein Sudoku in einer Zeitschrift, die er sich zusammen mit den Zigarren im Duty-Free-Shop gekauft hatte. Rauchen war aber im Flugzeug nicht erlaubt. Nicht mal auf dem Klo.
Freitag, 2. Februar 2007
Kapitel III: Von den Fährnissen des Billigfliegens
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