Freitag, 2. Februar 2007

Kapitel II: Der Fremde bekommt keinen Single Malt

Jahre später, nach einer langen und gefahrvollen Reise über die sieben Weltmeere, in deren Verlauf er dem Tode mehrmals frech ins Gesicht gelacht hatte und von der Schippe gesprungen war, stand der Fremde noch immer in der Tür der Hafenbar von Buenos Aires. Langsam wurde der Wirt unruhig. Er kannte die Art, mit der der Fremde dastand, und sie gefiel ihm nicht. Dabei war der Wirt weißgott kein Mann, den der Anblick eines anderen Mannes leicht beunruhigt hätte. Die Kneipe war ein Strand für menschliches Treibgut, ein Anlaufpunkt für Gestrandete und Gestrauchelte, für wilde Gesellen und rohe Burschen. Das Geld saß diesen Männern locker, aber auch die Messer, welche sie aus geringem Anlass zückten, etwa um einen Streit zu schlichten oder einfach nur, weil sie ein kleines Tänzchen wagen wollten, wie es hier hieß. Ein solches Tänzchen endete immer mit einer zerfetzten, blutüberströmten Leiche, und die musste der Wirt dann in den Hinterhof ziehen. Er legte sie neben die Mülltonnen, wo der Abdecker sie leicht finden würde.
Der Fremde aber wirkte nicht, als ob er an einem Tänzchen interessiert wäre. Etwas in seinem Blick verriet, dass er schon Orte geschaut hatte, die dem Menschen besser verborgen geblieben wären. Er warf einen harten, unnachgiebigen Blick aus seinem einen stahlgrauen Auge quer durch den Raum auf den Wirt. Der schauderte. Soviel Kälte war er nicht gewohnt. Er kam ursprünglich aus Uruguay und war an das dort vorherrschende subtropische Klima angepasst. Nur die verregneten Sommer, die hatten ihm nicht gepasst, weshalb er seine Siebensachen gepackt hatte, um in Buenos Aires eine Gaststätte zu eröffnen. Wer nämlich viel drinnen arbeitet, den ficht der Regen nicht an.
Der Wirt nahm all seinen Mut zusammen und erwiderte den Blick. „Was darf's denn sein, Fremder?“, fragte er mit seinem Akzent, den die einheimischen Buenos-Airisten oft zum Anlass der Heiterkeit nahmen, denn der Wirt stammte vom Volk der Tupi ab, war also inidanischer Herkunft und hatte Guarani als Muttersprache erlernt, was sein Spanisch auf eine ganz und gar unnachahmliche Art einfärbte.

Einen Whisky“, orderte der Fremde in passablem, weil akzentfreiem Kontinentalspanisch. „Scotch. Single Malt. Zwölf Jahre, lieber noch sechtzehn Jahre, wenn Sie einen dahaben.“
Bedaure, ich habe nur Shiva's Regal.“
Pah!“ Der Fremde spuckte aus. Es klirrte, als die Spucke auf die ungehobelten Holzblohnen prallte und in tausend Stücke zerplatzte, so als wäre sie aus Glas oder Eis? Ja. Eis. Die Spucke musste auf dem Weg vom Mund zum Boden gefrohren sein. Das war eine biologische Sensation, aber völlig unmöglich. Wie hätte denn die Spucke, die aus einer Mundhöhle mit geschätzten 36,7 °C in eine Umgebungstemperatur von gut zwanzig Grad kam, gefrieren können? Es gibt doch gar kein Element, dessen Schmelzpunkt zwischen 36,7°C und gut zwanzig Grad lag. So ein Teufelskerl!, dachte der Wirt bei sich.
"Oh", machte der Fremde und guckte auf die Spucke. "Ein Zahn. Muss wohl locker gewesen sein."
Das also war des Rätsels Lösung. Der Barkeeper atmete erleichtert auf und nahm die Hände von der Schrotflinte, welche er unter der Theke schon vorsorglich entsichert hatte.

Dann gib mir eine Flasche Rum“, verlangte der Fremde barsch und mit einem Tonfall, der keinen Widerspruch geduldet hätte. Der Fremde riss dem Wirt die Flasche so ungestüm aus den Händen, dass die Haut rot glühte und sich von den Fingerkuppen schälte. Der Fremde genehmigte sich einen gehörigen Schluck aus der Pulle. Ein Glas hatte ihm auch der Wirt noch nicht hingestellt, weil er viel zu beschäftigt damit war, seine Finger in Mullbinden zu wickeln, um noch aufmerksam sein zu können. Der hat wohl seinen Beruf verfehlt, dachte der Fremde. Er hatte das Zeug zum Notfallsanitäter, ja vielleicht sogar Zahnarzt, wenn er sich anstrengte und die Nase auch einmal in ein Buch stecken würde, aber Barkeeper? So einen würde er sofort rausschmeißen, wenn das seine Bar wäre, sagte sich der Fremde. Da waren doch unzufriedene Kunden vorprogrammiert. Aber egal, schließlich war es nicht sein Trinkgeld, das der Wirt durch seinen Versuch, die Blutung zu stoppen, leichtsinnig verspielte. Halt, doch! Es war sein Geld, und das würde es auch wohl bleiben. Nicht mal ein Glas bekam man hier. Der Fremde konnte es noch immer nicht fassen.
Wie um sich zu beruhigen steckte er sich eine Zigarre an. Es war eine brasilianische Zigarre, unüblich für Argentinien, scheute dieses stolze Völkchen doch davor zurück, die Zigarren ihres nicht immer beliebten großen Nachbarlandes zur paffen, weshalb sie im großen Stil Rauchwerk aus Sumatra importierten. Die waren zwar erheblich teuerer im Einkauf und schmeckten den Landeskindern nicht so gut, ja, namhafte Forscher hatten gar herausgefunden, dass sie in höheren Maße Karzinome und Lungenemphyseme verursachten als brasilianische Zigarren, doch Nationalstolz ist etwas, das sich nicht mit Geld aufgewiegen lässt.

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