Der Fremde trat ein. Das Innere der Kneipe war in dämmriges Licht getaucht und diesig verhangen vom Zigarrenrauch. An dem Klavier saß ein glatzköpfiger Pianist und hämmerte einen Rag. Der Fremde hatte für diese Musikrichtung nichts übrig, doch die Kneipe war ganz nach seinem Geschmack: Eine zwielichtige Halunkenspelunke im Hafenviertel von Buenos Aires. Da saßen sie: Teils an der Bar, einige in Gruppen um Tische, deren Platten von den vielen Glas- und Flaschenböden so sehr abgeschmirgelt waren, dass sie im matten Licht schillerten.
Einer hatte sich den Barhocker zu den Glücksspielautomaten neben dem Münzfernsprecher gezogen und versuchte nun an drei Einarmigen Banditen simultan sein Glück. Immer wieder erklang ein kehliges Fluchen, gefolgt von einem blechernen Schaben, wenn er die nimmersatten Maschinen mit blanken Münzen fütterte. Dann klimperten sie eine digitale Melodie, die den Fremden zunächst an The Entertainer von Scott Joplin erinnerte, aber dann änderte sie sich und ging ganz anders weiter. Wahrscheinlich aus Copyright-Gründen.
Die Erben von Scott Joplin waren ja in der gesamten Musikszene, aber auch bei Filmemachern und am Showbuisiness Interessierten als gierig verschrien. Sie führten ein glamoröses Leben, wie die Reichen und Schönen, aber wehe, ein armer Künstler verging sich am Urheberrecht ihres Urahns; dann hießen sie ihre Schergen, wie man in der Joplin-Familie die Anwälte nannte, den Übeltätern gehörig die Hammelbeine langzuziehen, und zwar so lange, bis auch der letze Cent in die Taschen der Erben gewandert war. Das hatte der Fremde in einem Magazin gelesen, denn auch er war am Showbuisiness interessiert, ja er war ja sogar einmal auf der Schauspielschule gewesen. Lange hatte es ihn dort freilich nicht gehalten. Insubordination, das war die Begründung gewesen, mit der ihn der gestrenge Schulleiter des Campus verwiesen hatte, ohne ihm freilich den nicht unerheblichen Semesterbeitrag für das erst kürzlich begonnene Schuljahr zurückzugeben. Dafür hatte er dann später bezahlen müssen. Der Fremde hatte ihm nach der Schule aufgelauert und ihm dann gehörig die Möbel gradegezogen. Dazu brauchte es nicht viel. Außerhalb seines Büros war der feine Herr Schulleiter nur ein armes Würstchen, ein erbärmliches Häuflein Elend, das die Rechte des Fremden in die Ecke den Schulhofs gefegt hatte, um ihm dann gehörig den Wanst durchzuwalken, bis Blut kam. Danach hatte der Fremde ihm untersagt, auch nur ein Sterbenswörtchen über den Vorfall zu verlieren, sonst wüsste er, wo er wohnte. Er hatte auch nie wieder etwas von dem Schulleiter gehört, wie auch? Der Fremde hatte noch am gleichen Abend bei einem philippinischen Öltanker angeheuert und seiner Vaterstadt den Rücken zugekehrt. Hier hielt ihn nichts mehr.
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